Besorgter Stubentiger

© Elke Söllner© Elke Söllner

Redaktioneller Hinweis: Wir bedanken uns bei Elke Söllner, einer zertifizierten Tierpsychologin und Buchautorin, für die Zurverfügungstellung dieses Textes.

Katzen haben in der Beliebtheitsskala den Hund längst überholt. Zudem werden sie auch am Land mittlerweile vermehrt in der Wohnung oder im Haus gehalten. Die Besorgnis um einen frühen Verlust bei Freilauf steht meist im Hintergrund.

Wie wir empfinden Katzen Freude, Schmerz, Trauer, Angst und Stress. Sie sind rascher besorgt, als wir annehmen. Wir können unseren Stubentigern helfen, nicht in unnötige Besorgnis oder Stress zu geraten. Allem voran steht, dass wir uns mit dem Wesen, dem Verhalten sowie den oft sehr individuellen Bedürfnissen unserer Samtpfoten auseinandersetzen. Beispielsweise ist Organisation ist für das neugierige Gewohnheitstier Katze oberstes Gebot. Katzen schätzen Veränderungen nur bedingt. In ihnen wohnt ein starkes Bedürfnis nach Struktur, da diese ihnen Sicherheit vermittelt. Hierbei sind der Raum (inklusive dritter Dimension) sowie Zeit und soziale Beziehungen wesentliche Größen. Bei einer innigen Bindung stellen wir als Vertrauens- und Bezugsperson eine sehr wichtige Sicherheitssäule für unsere Miezen dar.

Katzen sind unter natürlichen Bedingungen Raubtier und Beutetier in einer Person. Dieses alte Wissen schlummert in dem sanftesten Stubentiger. Auch wenn der Einzeljäger Katze bevorzugt für sich alleine auf Streifzug geht, ist er weder sozial unbegabt noch grundsätzlich ungesellig. Da Miezen unter natürlichen Bedingungen auf sich alleine gestellt sind, ist ihr Selbsterhaltungstrieb stark ausgeprägt. Aggressive Verhaltensweisen sind daher grundsätzlich normal, insbesondere im Sinne des Selbstschutzes, aus Angst oder auch aufgrund von Schmerzen.

1) Stressverursacher – Beispiele im Überblick

  • Die ersten Stressbahnen werden bereits im Mutterleib gelegt. Die sehr prägenden ersten Lebenswochen sind zudem wesentlich. In wie weit hatte die Mieze beispielsweise die Chance für eine gesunde Sozialisation mit Artgenossen und Menschen?
  • Eine zu hohe Katzendichte auf beschränktem Raum wie etwa bei Wohnungshaltung. In diesen Fällen ist es ratsam bei zwei Katzen zu bleiben. Drei ist meist eine zu viel im Bunde. Wir sollten unser manchmal ausgeprägtes Bedürfnis nach Geselligkeit nicht unseren Miezen ungefragt überstülpen. Umgekehrt können Samtpfoten wie wir Menschen vereinsamen und depressiv werden.
  • Mangel an und oder schlecht gestreute Ressourcen. Unter Ressourcen ist alles Nötige für ein artgerechtes Leben zusammengefasst, damit das Nahrungsaufnahme-, Bewegungs-, Ruhe- und Sozialverhalten unbesorgt ausgelebt werden können. Stubentiger können insbesondere in einer disharmonischen Katzengruppe rasch bezüglich Ressourcenmangels in Besorgnis und Stress geraten. Das Bedürfnis die wichtigen  Ressourcen zu sichern und zu wahren ist stark ausgeprägt.
  • Trostlose Umfeldbedingungen, Unterbeschäftigung und die damit verursachte Langeweile oder insgesamt restriktive Lebensbedingungen.
  • Schlafmangel, Schmerz und oder Krankheit
  • Frustration jeder Art, Konflikte mit Artgenossen, zu wenig oder zu viele Reize
  • Ehemals Freigängerkatze lebt nun in einer Wohnung
  • Hunger. Da unsere Miezen unter natürlichen Bedingungen viele kleine Mahlzeiten am Tag zu sich nehmen, sind ihre Mägen entsprechend klein und der Hunger rasch groß.
  • Des weiteren können zum Beispiel Familienzuwachs, Umzug, Trennung, Scheidung, neuer Partner oder ein umgestalteter Tagesablauf zu Besorgnis und Stress führen.

Da Katzen still leiden und Stress früher oder später zu Krankheit führt, nehmen wir am besten frühzeitig die Stresssymptome unsere Miezen wahr. Nur so können wir rechtzeitig gegensteuern. 

2) Stresssymptome – ein Abriss

  • Frau und Herr Katze ziehen sich vermehrt zurück
  • Unsere Samtpfoten wirken insgesamt angespannt
  • Die lieben Miezen zeigen ein geringeres oder vermehrtes Fressverhalten (kauen beruhigt und zu essen gibt meist ein gutes Gefühl)
  • Unser Stubentiger zeigt übermäßiges Putzverhalten
  • Die liebe Samtpfote schenkt uns lautstark vermehrt Miau-Konzerte
  • Unsere Mieze ist plötzlich übertrieben anhänglich
  • Unser Schnurrmonster ist insgesamt unruhig und oder wandert vermehrt umher
  • Die Schwanzspitze bleibt keine Sekunde ruhig liegen
  • Die Ohren scheinen alles unter Kontrolle halten zu wollen
  • Plötzlich wird die liebe Mieze unsauber und oder markiert
  • Generell zeigt unsere Samtpfote weniger Interesse an Aktivitäten
  • Psychosomatischen Beschwerden wie etwa Blasenentzündungen, Durchfall, Erbrechen 

3) Maßnahmen und Hilfestellungen

  • Allen voran die Wahl der Katze. Eine nicht auf Menschen sozialisierte Katze gehört nicht in die Stadtwohnung. Ein ungeselliges Tier nicht in eine größere Katzengruppe.
  • Eine katzengerechte und besonders bei reiner Wohnungshaltung, eine anregende sowie  spannende Umfeldgestaltung wie beispielsweise:

→ Erhöhte Aussichtsplattformen anbieten, um das Revier ungestört überblicken zu können und um sich sicherer zu fühlen. Wer erhöht sitzt, ist hier und jetzt in der sozial überlegen Position. Die dritte Dimension ist Teil des Reviers unserer Samtpfoten

→ Für jede Katze ungestörte Ruheplätze, Verstecke und Rückzugsmöglichkeiten! Katzen machen sich gerne unsichtbar. Diese Orte werden von Artgenossen meist respektiert. 

→ Fensterbretter und Balkone. Plätzchen in der wärmenden Sonne finden besonders großen Anklang. Diese müssen bei Absturzgefahr unbedingt gesichert werden (in Österreich gesetzlich vorgeschrieben). 

→ Kratzbaum, Kratzmöbel um das Revier zu markieren, aufgestaute Energien, Besorgnis, Angst, Stress, innere Anspannungen abzubauen. Natürlich ebenso um ein wenig zu imponieren, lästige Krallenhüllen abzustoßen und um sich ausgiebig dehnen und strecken zu können (insbesondere Schulter-, Wirbelsäulen- und Zehenmuskulatur). Ausgiebig schreddern zu können erhöht das Wohlgefühl unserer Stubentiger. 

→ Abwechselnde  Spielangebote für interaktive sowie solitäre Spiele (gut gestreut, nicht nur in einem Zimmer anbieten), alternative Futterplätze, Snackspielzeuge, verschiedene Futterplätze, eventuell ein Aquarium, vielleicht ein Vogelhäuschen vor einem gesicherten Fensterbrett. Nicht nur Balkone und Fenster sondern auch Kippfenster sind ausnahmslos zu sichern! 

  • Damit in Miezengesellschaften direkten Konfrontationen leichter aus dem Wege gegangen werden kann, Pufferzonen wie mittels Katzentunnel, Schachteln mit seitlichem Eingang und dergleichen schaffen. Zudem wird das Umfeld spannender.
     
  • Rücksichtnahme auf die oft sehr individuellen Bedürfnisse nach Sozialkontakten sowie auf das jeweilige Verlangen nach Nähe und Distanz.

  • Dem Bedürfnis nach sicheren Katzentoiletten mit gutem Überblick über das Revier nachkommen (pro Katze zwei Katzenklos). Offene Katzentoiletten sind zu bevorzugen und mit ausgiebig Streu anzubieten. In der geschlossenen Variante fängt sich der Geruch von Urin und Kot. Die Katze muss sich ungehindert in ihrem Kisterl umdrehen können. Wichtig ist zudem die Stabilität der Toilette, damit sie nicht plötzlich wegrutscht.

  • Sichere Pfade zu diversen Ressourcen um etwa Mobbing gegenzusteuern

  • Damit die Welt unserer Miezen bei Veränderungen nicht so rasch aus den Fugen gerät , bieten wir ihr regelmäßig sowie wohl dosiert neue Reize. Besonders beliebt sind Gerüche aus der Natur wie etwa Zweige, Steine, Kastanien, Rinden, Blumen. Schachteln, Kisten, Papiersackerl (ohne Henkel) finden zudem großen Anklang und sorgen für  Abwechslung.

  • Katzenminze-, Baldrian- oder Geißblattsessions ab und zu anbieten.

Die meisten Katzen reagieren auf Katzenminze indem sie sich darin wälzen, die Blätter abzupfen und einen ganz besonderen Gesichtsausdruck aufsetzen. Allerdings gibt es auch jene Samtpfoten, die in dieser Phase leichter reizbar sind und sich rascher aggressiv verhalten. Daher ist darauf zu achten, dass kein Artgenosse attackiert wird. 

  • Eventuell beruhigende Pheromone, wenn die Katzen diese nicht selbst verteilen.
  • Bachblüten oder andere Blütenessenzen zur inneren Harmonisierung
  • Beruhigende entspannende Musik, die auch uns wohl tut. Immerhin gehen unsere Miezen bei einer innigen Bindung mit uns in Resonanz. Sie übernehmen unsere Spannungen ebenso wie unsere Emotionen und Gemütslagen.
  • Eine ausgewogene naturnahe Nahrung im Sinne der Gesunderhaltung und für ein langes Katzenleben. Zudem erspart hochwertige Ernährung in Folge Tierarztkosten.
  • Dem natürlichen Bedürfnis nach Jagd in Form von Jagdsequenzen des interaktiven Spiels nachzukommen, bietet ein wesentliches Element zum Stressabbau. Das Durchspielen ganzer Jagdsequenzen sollte mit dem Einzeljäger Katze einzeln durchgeführt werden. Nur in der Jagd vermag die Katze ihr wahres Raubtierwesen vollends auszuleben. Um unser Leben mit einer glücklichen Katze zu teilen, müssen wir ihr die Chance zu jagen geben. Hierbei verleihen wir der Beuteattrappe Leben und ahmen die Bewegungen sowie Töne des Beutetieres nach. Katzen wissen freilich, dass es nur eine Attrappe ist. Wesentlich ist, die Katze nicht in einem spielerregten Zustand sich selbst zu überlassen. Im letzten Drittel muss daher das Spiel immer herunter gefahren werden. Ältere oder bequemere Miezen beenden auch von selbst die Jagd. Am besten wäre 2 x täglich je eine Sequenz von 15 bis 30 Minuten. Als dämmerungsaktive Tiere bieten sich die frühen Morgen- und Abendstunden besonders gut an. Zudem merken sich Katzen Spielzeiten und fordern diese durchaus ein.

Katzen sind Lauer-, Ansitz und Schleichjäger. Mit anderen Worten zählt das für uns oft langweilig anmutende Belauern der Beute bereits zur Jagd. Des Weiteren bedeutet das Beschleichen und Belauern der Beute einen weit größeren Zeit- und Energieaufwand, als die darauf folgenden Sequenzen des Fangens und Tötens. Nicht zu vergessen, dass der Spaßfaktor im Spiel mit unserer Mieze auch für uns groß ist. Ein froh gestimmtes Herz tut Körper, Geist und Seele gut.

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